Nachlese zur Fokusveranstaltung "Geflüchtete Menschen" 12.11.2016

Rund 70 Teilnehmer diskutieren Chancen und Herausforderungen im Umgang mit geflüchteten Menschen.

Am Samstag, den 12. November 2016 fand in der Adalbert-Raps-Bibliothek am Mönchshof in Kulmbach die Fokusveranstaltung „Integration von geflüchteten Menschen“ statt. Rund 70 Vertreter aus Politik, gemeinnützigen Initiativen, viele Ehrenamtliche, Studierende und Interessierte folgten der Einladung der Adalbert-Raps- Stiftung, um sich über die Herausforderungen, über erfolgreiche Projekte oder Ideen auszutauschen. Der praxisnahe Informationstag war in verschiedene Vortrags- und Workshop-Formate unterteilt, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Die Adalbert- Raps-Stiftung dankt allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für das rege Interesse und die intensiven Diskussionen sowie den Referenten, die den Tag mit ihrem Know-how bereichert haben.

Für Feedback und Fragen sowie um zukünftig über ähnliche Veranstaltungen informiert zu werden, schreiben Sie uns bitte eine E-Mail.

Alle weiteren Informationen zu unserem Wettbewerb „Helden der Heimat" finden Sie hier.

Den kompletten Nachbericht als PDF-Datei können Sie hier herunterladen.

Themen und Inhalte

 

 

 


Grußwort – Oberbürgermeister Henry Schramm

Die Bedeutsamkeit der Thematik unserer 1. Fokusveranstaltung („Integration von geflüchteten Menschen“) zeigte sich durch Kulmbachs Oberbürgermeister Henry Schramm, der den Tag mit einem Grußwort eröffnete. Sehr zielgerichtet war in seiner Rede direkt das Miteinander auf unserem Planeten ein Thema. Bei der Integration von geflüchteten Menschen sind alle Bürger gefragt und jeder kann seinen Beitrag leisten. Als Beispiel führte Oberbürgermeister Schramm den Sport an, durch den die Herkunft und die Geschichten eines Einzelnen für den Moment aufgehoben werden. „Wir befinden uns in einer Zeit der Veränderungen und Umbrüche. Da ist es klar, dass es viele offene Fragen in Bezug auf die Kriege und geflüchtete Menschen gibt“ so der Oberbürgermeister weiter. Deutschland ist ein reiches Land und jeder kann seinen Beitrag leisten. Sein 

Apell und die Botschaft waren, dass wir die geflüchteten Menschen aus diesen Krisenregionen mit offenen Armen aufnehmen müssen.

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Erfolgsprojekt: Meine neue Heimat – Spurensuche der bayrischen Kultur in der Natur

Claudio Cumani, Integrationsbeirat Stadt Garching und Gewinner des Bayrischen Integrationspreises 2016

Claudio Cumani lebt seit über 20 Jahren in Bayern, engagiert sich politisch und ist Mitglied im Integrationsbeirat Bayern. Er gehört dem „Runden Tisch Integration“ im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus an und treibt die Integration von geflüchteten Menschen aktiv mit voran. Als Vorsitzender des Integrationsbeirates nahm er in diesem Jahr den Bayrischen Integrationspreis entgegen. Mit ihrem Heimat-Projekt haben die Garchinger die Jury überzeugt.

Das Integrationsprojekt „Meine neue Heimat“ ist initiiert von dem Integrationsbeirat der Stadt Garching, dem Deutschen Alpenverein Sektion Stadt Garching und dem Bund Naturschutz Bayern e.V. Ortsgruppe Garching mit dem Ziel die (neue) Heimat durch die Natur, die Orte und ihre Geschichte zu erleben. Die TeilnehmerInnen sollen miteinander reden. Dabei werden neue Wörter, Begriffe und Traditionen kennengelernt, und über die gemeinsame Erfahrung, mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Geschlechtern, werden Werte der Gleichberechtigung, Toleranz und Offenheit vermittelt. Für die deutschen TeilnehmerInen findet auf der anderen Seite auch eine Horizonterweiterung statt. Die Zielgruppe ist demnach bunt gemischt und es können Flüchtlinge, Garchinger mit und ohne Migrationshintergrund und auch Kinder teilnehmen. So fördert man die Interaktion, man spricht deutsch und es entsteht ein Netzwerk aus Personen, die den Teilnehmerkreis stetig erweitern. Dabei geht es auch um Sinnvermittlung von kultureller Bedeutung von Wanderungen und um ein Verständnis für die deutsche Kultur. Daneben fokussiert das Wandern bei einigen auch das Erzählen vom Erlebten. Momentan werden die Wanderungen von ca. 25 Ehrenamtlichen organisiert. 

Dies ist ein gutes Beispiel wie Integration ganz einfach und mit wenig Mitteln umgesetzt wurde und somit Gewinner des Bayrischen Integrationspreises 2016 ist. Ein Vorzeigeprojekt, wie einfach Integration erfolgen kann. 

Nach dem praxisnahen Erfolgsbeispiel von Claudio Cumani begrüßte der Landrat Kulmbach, Klaus Peter Söllner, die Gäste und tauschte sich noch mit vielen Gästen aus. „Die Arbeit der Raps-Stiftung unterstützt das Engagement der ehrenamtlichen Menschen in unserem Landkreis und dafür sind wir sehr dankbar“ so seine Worte. Für Landrat Söllner ist die Flüchtlingsarbeit in Kulmbach eine Bereicherung und darauf kann jeder, der seinen Beitrag dazu leistet, sehr stolz sein.


Junges Sozialunternehmen schafft Integration durch Bildung.

Kiron Open Higher Education ist momentan das Vorzeigebeispiel wie Integration durch Bildung gelingt und wurde dafür mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen belohnt (z.B. Deutscher Gründerpreis, Arno-Esch-Preis, Vision Award, etc.).

Durch die Digitalisierung verschafft Kiron geflüchteten Menschen den Zugang zu Universitäten und ermöglicht diesen ein Studium. Durch einen kosten- und barrierefreien Zugang zu einem Hochschulstudium haben geflüchtete Menschen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt integriert zu werden und sich der Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Einen kurzen Überblick gibt es hier.


Austausch: Was macht ein Projekt erfolgreich?

Claudio Cumani, Integrationsbeirat Stadt Garching

Julia Grassinger, Giraffensprache

Julia Grassinger bezeichnet sich selber als „Geburtshelfer“ für gute Ideen und unterstützt Menschen auf ihrem Weg, die ihre Idee groß werden lassen wollen. Wenn man sich gerade auf dem Weg befindet, um ein Projekt zu positionieren, sollte man sich immer folgende Fragen stellen:

1.     Wie gelange ich von der Idee zur Umsetzung?

2.     Was ist mir wichtig?

3.     Was braucht mein Projekt, um nachhaltig zu sein?

 

Bei der Umsetzung ist ganz wichtig, dass man ein gutes Netzwerk hat, welches belebt, Impulse gibt und die Idee wachsen lässt. Die Arbeit von Ehrenamtlichen ist oft ebenfalls sehr essentiell, notwendig und Spaß sollte man auch immer haben („Spaß macht immer das, wo ich kompetent bin“). Dabei ist es gut, sich immer wieder zu reflektieren und neu zu erleben.

Claudio Cumani hat mit seinem Projekt „Meine neue Heimat“ einfach und erfolgreich eine Idee umgesetzt und die oben genannten Punkte beachtet. Er bringt Menschen zusammen und vermittelt Werte sowie Traditionen. Die Zielgruppe macht das Projekt erfolgreich und so arbeitet Cumani nicht für Flüchtlinge, sondern mit Ihnen zusammen. Jeder Mensch muss sich als Akteur sehen und sich dabei wohl fühlen. Dann ist ein Projekt erfolgreich. 


Studienprojekt „SozialRaum Oberfranken“

Professor Dr. Eberhardt Rothfuß, Universität Bayreuth

Grundlage des Wettbewerbes „Helden der Heimat“ und der Veranstaltungsreihe „Engagiert in Oberfranken“ ist die Studie der Universität Bayreuth unter Leitung von Prof. Rothfuss, worin der Sozialraum Oberfranken (Regierungsbezirk) untersucht wurde. Unter Sozialraum versteht man immer einen gesellschaftlichen Raum und der darin enthaltene menschliche Handlungsrahmen. Die essentiellen Forschungsfragen der Studie befassen sich mit den Trends und aktuellen Situationen der Region. Dabei wurde durch Interviews sehr schnell deutlich, dass eine Herausforderung die Aufnahme von geflüchteten Menschen, die Abwanderung von jungen Menschen und die Vereinsamung von Senioren ist. Um zu sehen, welche Perspektiven es gibt, muss jeder Akteur die anderen Lebenswelten und die Experten der jeweiligen Arbeitswelt verstehen und dann kreative Lösungen finden. Die unterschiedlichen Lebenswelten von Jugendlichen/jungen Erwachsenen, SeniorInnen und Flüchtigen sind durch vier Querschnittsdimensionen verbunden:

 

  1. Zentrum vs. Peripherie: Fakt ist, dass das ländliche Leben die Integration schwieriger macht. Arbeit ist im ländlichen Raum schon weniger vorhanden, das macht die Integration schwieriger (obwohl ansässige Unternehmen offen sind). In Städten gibt es mehr Optionen und Freiheiten. In Oberfranken ist grundsätzlich die Toleranz für den Wandel gering (z.B. haben Bürger Angst vor einem Wertverfall der Immobilien). Es gibt aber eine große Hilfsbereitschaft und das Ehrenamt ist zentral, obwohl die Zivilgesellschaft das auch stemmen muss.
  2. Mobilität vs. Immobilität: Mobilität ist in Oberfranken ein grundsätzliches Problem, da die öffentlichen Verkehrsmittel nicht regelmäßig überallhin fahren. Die Flüchtlinge sind jedoch auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.
  3. Integration vs. Desintegration: Bei der Integration ist die Praxis sehr wichtig. Prof. Rothfuss führte dafür als Beispiel das gemeinsame Kochen an: „Einfach machen und weniger reden“. Dabei passiert eine leibliche Auseinandersetzung mit Heimat. Und statt die Assoziation mit Flüchtlingen negativ im Kopf zu verankern (Armut, Leid, Hilfe, Krieg, Asyl, etc.) sollte man sich überlegen, was man mit den geflüchteten Menschen verbindet.
  4. Fremdbestimmung vs. Mit- und Selbstbestimmung: Politik schränkt Asylbewerber in ihrer Bewegungsfreiheit ein (Wohnortbindung). Die großen Unterkünfte sind in Bezug auf die Privatsphäre, Isolation und Beschäftigungslosigkeit ein großes Problem. Dieses hohe Maß an Fremdbestimmung führt bei den geflüchteten Menschen zu Konflikten, Langeweile und Apathie.

 

In dem Wettbewerb „Helden der Heimat“ sollen Vereine oder Institutionen mit Ihren Projekten, die sie für die Heimatlosen kreieren, gefördert werden. Dafür ist es wichtig zu verstehen, was Heimat überhaupt bedeutet. Mit einem Heim verbinden wir das Erlebte und Gefühlte: „Wo ich herkam und wohin ich zurückkehren möchte, da ist mein Heim“ (Schütz 1972). Fremde bedeutet also das Vermissen von Heimat. Genau deswegen benötigen geflüchtete Menschen lebendige Erfahrung zum Erinnern.

Sie haben Interesse an der Studie? Schreiben Sie uns einfach eine E-Mail


Interview: Integration auf dem Arbeitsmarkt

Christiane Alter (IdA-Navigatorin Oberfranken), Birgit Obermaier (Agentur für Arbeit Bamberg), Udo Noack (Robert Bosch GmbH)

Christiane Alter, IdA-Navigatorin für die Region Oberfranken

Ihre Aufgabe ist es, die Projektaktivitäten zum Thema Geflüchtete vor Ort mit Unternehmen zu vernetzen und Ansprechpartner für Asylbewerber und Firmen zu sein. So wird der Kontakt zwischen Flüchtlingen und Unternehmen hergestellt und eine berufliche Beschäftigung dieser vorangebracht. 

Birgit Obermaier, Agentur für Arbeit Bamberg

Die Teamleiterin im Arbeitgeber-Service betreut mit ihrem Team die Arbeitgeber-Anliegen in der Region Bayreuth. Beim Thema Flucht und Asyl gehört die Information und Beratung von Unternehmen bei der Einstellung von Geflüchteten zu ihrem Portfolio. Durch Veranstaltungen (z.B. einer Asylbewerber-Börse) sowie einem Kompetenz-Team für Bewerber/innen mit Fluchthintergrund ist das Team um Birgit Obermaier im engen Kontakt mit geflüchteten Menschen.

Udo Noack, Robert Bosch GmbH

Der Personalleiter am Standort Ansbach durchlief innerhalb des Konzerns verschiedene Stationen, u. a. im Zentralbereich Personalgrundsatzfragen. Zusätzlich ist er Mitglied im Verwaltungsrat der Bosch Betriebskrankenkasse (BKK). Beim Unternehmen Robert Bosch werden soziale Werte durch Integration gelebt. 

Geflüchtete Menschen kann man sehr gut durch Arbeit integrieren. Die drei Interviewteilnehmer kommen alle aus der Praxis und haben unterschiedlichste Berührungspunkte mit der Anstellung, Vermittlung oder Einarbeitung von geflüchteten Menschen. Als Faktoren für eine erfolgreiche Anstellung wurden vor allem die Sprache und das Miteinander auf Augenhöhe angesprochen. Daneben ist die Bereitschaft von Unternehmensseite und Ehrlichkeit innerhalb des Teams sehr wichtig. Wenn Arbeitgeberverbund, Agentur für Arbeit und Arbeitnehmer zusammen arbeiten hat eine Integration durch Arbeit hohe Erfolgschancen. Man darf sich nicht entmutigen lassen. Denn es gibt viele Punkte, die eine Eingliederung schwer machen. Dazu gehören zum Beispiel, dass sich viele Unternehmen rechtfertigen müssen, was die Politik nicht schafft oder einige Flüchtlinge keine Arbeitserlaubnis bekommen oder ihre Qualifikation nicht anerkannt wird. Neben einigen Hindernissen, für die es noch einige Zeit braucht, gibt es aber auch einen hohen Mehrwert geflüchteten Menschen einen Job zu geben. Kulturelle Vielfalt tut jedem Betrieb und Unternehmen gut, es können Chancen durch anderes und neues Potential neu entdeckt werden, Interkulturalität erweitert den Horizont und muss von Kollegen und Vorgesetzten als Geben und Nehmen gesehen werden. Nur durch Offenheit und Erfahrungsaustausch kann eine Integration erfolgen und für alle Angestellten ein Mehrwert entstehen. 


Paradigmenwechsel: „Eigentlich bin ich ja tolerant…“

Professor Dr. Harry Harun Behr

Der Islamexperte Prof. Harry Behr wurde 1962 in einen jüdisch-katholischen Haushalt in Koblenz am Rhein geboren. Er konvertierte 1980 während seiner Schulzeit in Indonesien zum Islam. Herr Behr ist Mitglied im Rat für Migration und Professor für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Islam an der Goethe-Universität in Frankfurt. 

Hinter unseren vielfältigen Gefühlen als Menschen, so Behr, regieren drei grundlegende Modi des Verhaltens, die wir uns bewusst machen müssen. Es kommt darauf an zu erspüren, in welchem Modus man sich in einer konkreten Situation der zwischenmenschlichen Begegnung befindet: Gemeint sind die Abstoßung (Flucht), die Attraktion (Annäherung) oder das Abwarten (Totstellung). Es kommt darauf an zu verstehen, welche Reflexe durch welche Signale ausgelöst werden.

„Wir ontologisieren da, wo wir funktionalisieren müssten, und wir schreiben den geflüchteten Gruppen die Last der Repräsentanz (Stigmatisierung) zu“, sagt Behr. Das bezieht er vor allem auf Verallgemeinerungen. Das gilt zum Beispiel für die so genannte Silvesternacht in Köln, die kein Problem übersexualisierter maghrebinischer Männer war, sondern ein in allen europäischen Ländern seit Jahren bekanntes Phänomen organisierter Bandenkriminalität unterschiedlicher Nationalgruppen (Libanesen, Russen, Rumänen, Nordafrikaner ... und Deutsche). 

Schon Friedrich Schiller hat zwischen der Person und dem Zustand, in dem sie sich befindet, unterschieden. Stigmatisierung bedeutet, dass wir Merkmale des Zustandes mit Merkmalen der Person gleichsetzen. „Wenn wir die Begegnung auf der Grundlage von Zuschreibungen gestalten, dann geht etwas gehörig schief.“ Dabei wünschen sich die geflüchteten Menschen hier nichts sehnlicher als Sicherheit und Normalität und die Aussicht auf Selbstwirksamkeitserfahrung. Das, was ihnen zur Last gelegt ist, ist genau das, wovor sie geflüchtet sind.

„Klar, wir müssen auch über Probleme reden, und wir müssen sachlich bleiben – es gibt weder Spielraum für Hass noch für Romantik. Wo steht denn geschrieben, dass Migration so abläuft wie ein Heimatfilm mit Happy End?“. Wenn wir also über Menschen reden, die wir als Geflüchtete bezeichnen, dann müssen wir das aufgrund von belastbaren Informationen tun. Wir müssen vor allem verstehen, dass wir nicht kulturell essentialisieren dürfen, zum Beispiel dass „Türken“ oder „Araber“ eben Türken oder Araber seien, oder „Männer“ halt Männer. Es kann durchaus sein, dass wir uns mit einem türkischen Nachbarn besser verstehen als mit dem oberfränkischen Nachbarn, der uns immer wenn er uns sieht mit seinen privaten Ansichten in die Ecke „wafen“ will, die wir nicht hören wollen, erklärt Behr. Es kommt manchmal auch ganz ohne Ausländer zu spannenden Kulturbegegnungen vor der eigenen Haustür.

Wir müssen verstehen lernen, was mit uns ins solchen zwischenmenschlichen Begegnungssituationen passiert, damit wir nicht unter die Kontrolle unserer unbewussten Motivebenen geraten. Dafür sind Trainingsprogramme hilfreich wie etwa „Blue Eyed“, die auch mit Lehrern oder Schülern durchführbar sind. Dazu sollten Begegnungen nicht einfach nur so stattfinden – sie müssen gestaltet werden. Wir 

 müssen uns darüber im Klaren sein, dass Begegnungen auch scheitern können, denn sie sind „kontingente Situationen“. Kontingenz bezeichnet die Unwägbarkeit offener Situationen und gleichrangiger Alternativen: Es gibt einhundert Gründe, warum die Sache schiefgehen kann, und es gibt einhundert Gründe, warum sie gelingen kann. Kontingenz bedeutet Verunsicherung, und sie gibt den Impuls an beide Seiten, Normalität herzustellen (Bewältigung der Kontingenz). Genau das bedeutet Integration: Darunter ist nicht die Bringschuld der Ankömmlinge als Leistung gegenüber einer Gesellschaft zu verstehen, die sich als dominant bezeichnet, sondern Integration ist eine gemeinsame Situation, in der sich unsere Gesellschaft insgesamt befindet – alle Seiten müssen ihre Leistung erbringen, und dann werden alle Seiten davon profitieren.

Begegnung allein schützt übrigens nicht vor Ressentiments. Wenn die Kulturbegegnung eine Konkurrenzbegegnung ist (Arbeitsplatz, Wohnungssuche, Versorgungsansprüche ...), dann ist der Konflikt vorprogrammiert. Die Begegnungen müssen besonders hier moderiert und strukturiert ablaufen, sagt die Konfliktforschung. Denn ansonsten werden Vorurteile, Gewaltbereitschaft und Ablehnung verstärkt. Dabei ist Migration der zwingende Normalfall der Menschheitsgeschichte: „Lernen setzt Kommunikation voraus, Kommunikation setzt Begegnung voraus, Begegnung setzt Bewegung voraus, Bewegung setzt Beweglichkeit voraus ... Wir müssen die Menschen – Schüler, Studenten, Nachbarn, Mitbürger, unsere gewählten Volksverstreter – in Bewegung setzen, durch Informationsaustausch, durch Ansprache, durch Streit. Das ist gelebte Demokratie. Sich nur in der eigenen Konsensgruppe zu bewegen löst keine Probleme. Al-Kindi, ein arabisch-islamischer Philosoph und Arzt des 9. Jahrhunderts AD, wies damals schon darauf hin, dass Lernen schließlich nicht zwischen Papier und Kopf geschehe, sondern von Herz zu Herz. Und hier liegt die wahre Bedeutung von Toleranz: Nicht Duldung gewähren, sondern Achtsamkeit einüben.“

Das bedeute auch, dass die Asylpolitik überdacht werden muss. Der Gedanke hinter Artikel 16 des Deutschen Grundgesetzes ist, dass sich Angekommene in ein sinnstiftendes System integrieren können müssen. Nur so kann Integration erfolgen – nicht nur über Sprache lernen oder arbeiten, sondern über hinhören, einfühlen und verstehen. Schon der Philosoph Heraklit (500 v. Chr.) wusste: „Identität meint die Kunst, gleichzeitig beim anderen zu sein und bei sich selbst zu bleiben.“

Wir wünschen uns, dass geflüchtete Menschen Anschluss an die Regelsysteme finden und sich gleichberechtigt eingliedern. Das braucht bei Geflüchteten viel Zeit, oft mehr als eine Generation. Bei vielen geflüchteten Menschen treten Traumatisierungen erst ein Jahr oder später nach der Ankunft zu Tage. Die Verletzungen sind meist gar nicht mitgebracht, sondern hier erworben. Da müssen Veränderungen her – eine Kultur des Förderns und Forderns, und der Verzicht auf die Zuschreibung des so genannten „Migrationshintergrunds“.

Literatur:

  • Wertebündnis Bayern: https://www.wertebuendnis-bayern.de
  • Der Rat für Migration fordert Umdenken in der Flüchtlings- und Grenzpolitik:  http://www.rat-fuer-migration.de/pdfs/RfM_Presseerklärung_Fluechtlingspolitik_2016.pdf
  • Maria di Mar Castro Varela und Paul Mecheril: Die Dämonisierung des Anderen. Transcript: Bielefeld 2016
  • Harry Harun Behr: Menschenbilder im Islam. In: Rohe, Mathias, Havva Engin, Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy und Hansjörg Schmid: Handbuch Christentum und Islam in Deutschland. Grundlagen, Erfahrungen und Perspektiven des Zusammenlebens. Herder: Freiburg 2014, Seiten 489-529
  • Andreas Zick: Vorurteile und Rassismus. VS Springer 2018

Workshops


(Online-)Fundraising für Flüchtlingsinitiativen (Fördermittelakquise)

Francesca Rösner, Zusammen für Flüchtlinge

Francesca Rösner ist verantwortlich für die Projekte der Initiative „Zusammen für Flüchtlinge“. Der Ableger von betterplace.org hat sich auf Projekte für Refugees spezialisiert. Betterplace gibt regelmäßig Webinare zum Thema Online-Fundraising.

Im Workshop von Francesca Rösner wurde erläutert, warum Online-Fundraising so wichtig ist und wie Finanzierungsmöglichkeiten aussehen können. Denn neben privaten Spenden gibt es zahlreiche Online Möglichkeiten. Zunächst ist es einmal wichtig, dass die Finanzierungskanäle ausgelotet sind, ein Netzwerk vorhanden ist und Ehrenamtliche unterstützen. Grundsätzlich gibt es nichts, was sich nicht finanzieren lässt und man kann offen sagen, wofür Gelder eingesetzt werden. 

Unsere Welt wird immer digitaler und durchschnittlich sind 80 % der über 14 Jährigen online unterwegs. Es gibt 27 Millionen Facebook-Nutzer und nachhaltig erfolgreiche Projekte sind digital erreichbar. Laut einer Studie vom betterplace lab kommen 45% aller Spenden aus Online-Kanälen. Was die Durchschnittshöhe der Spende im Vergleich zu Online und Offline betrifft, ist es so, dass die durchschnittliche Offline-Spende bei 37,00€ und die durchschnittliche Online-Spende bei 71,00€ liegt. 

Online Fundraising ist die Kommunikation über das Internet (Website, E-Mail, Social Media etc.) mit dem Ziel, Förderer und Interessenten für eine Unterstützung zu gewinnen. Dafür ist es wichtig, den Zielspender zu definieren und diesen dann auch zu binden. Im Spender-Loyalitätszyklus gibt es 7 Schritte:

  1. Man muss das Bewusstsein für das Problem schaffen (z.B. durch Berichterstattung und Online-Marketing)
  2. Man sollte den Interessenten binden (z.B. durch Newsletter, Facebook, Twitter, Youtube, Google+, etc.)
  3. Potentielle Fragen der Spender beantworten (Wofür? Warum unser Projekt? Warum jetzt? Spendenformular, etc.)
  4. Danke sagen: gute Entscheidung. Der Spender darf sich besonders und mit einbezogen fühlen
  5. Berichten womit durch die Spende ein Unterschied gemacht wurde
  6. Spender zum Multiplikator machen
  7. Motivieren zu Dauerbeziehung. Aus Einmalspende kann monatliche Spende werden

Hier kann Ihr Projekt veröffentlicht und Spenden gesammelt werden: www.zusammen-fuer-fluechtlinge.de

Weitere Infos gibt es hier.


„Beruflich anerkannt?“ - So klappt es mit der Arbeitsmarktintegration

Yuliya Jabbari und Souzan Nicholson, AGABY

Um geflüchtete Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren, müssen sich die Arbeitsmarktakteure vernetzen und gemeinsam an einem Strang ziehen. MigraNet - das IQ Landesnetzwerk Bayern ist Teil des Förderprogramms "Integration durch Qualifizierung (IQ)" und arbeitet eng mit den relevanten Akteuren in Bayern zusammen, damit berufliche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelingt. Einer dieser Akteure ist AGABY (Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns) aus denen das Projekt „Beruflich anerkannt“ hervorgeht und wofür Yuliya Jabbari Projektkoordinatorin ist. Dafür gibt es speziell ausgebildete Talentscouts, die Flüchtlinge und Migranten bei der Integration in den Arbeitsmarkt beraten und unterstützen. Talenscout für die Region Oberfranken ist  Souzan Nicholson. 

In dem Workshop ging es vor allem um das Bundesanerkennungsgesetz (Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen) und um die Bedeutung des Bayerisches Anerkennungsgesetzes (Bayerisches Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz).

Grundsätzlich gibt es drei Formen der Anerkennung von ausländischen Qualifikationen. Bei der schulischen Anerkennung ist das Ziel, in Deutschland eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen und bei der akademischen Anerkennung möchte man weiter studieren oder promovieren. Beide Formen müssen bei der Zeugnisanerkennungsstelle geprüft werden. Die berufliche Anerkennung benötigt man, um in Deutschland im erlernten Beruf zu arbeiten. Dabei gibt es die Unterscheidung zwischen reglementierten (Anerkennung ist notwendige Voraussetzung) und nicht reglementierten Berufen (Anerkennung ist keine Voraussetzung für Berufsausübung). Zu den reglementierten Berufen gehören unter anderem ÄrtzeInnen, Krankenschwestern, Rechtsanwälte, LehrerInnen, IngenieurInnen, SozialpädagogInnen. Zu den nicht reglementierten Berufen gehören rund 350 Ausbildungsberufe im dualen System, landesrechtliche Ausbildungen und Hochschulabschlüsse für nicht reglementierte Berufe (z.B. PhysikerInnen, MathematikerInnen, ÖkonomenInnen).

Die Talentscouts bieten neben der Unterstützung bei der Anerkennungsberatung in Form von Vorprüfung und Weiterleitung an die zuständige Anerkennungsberatungsstelle auch eine Laufbahnberatung an. Dabei werden Lösungsansätze bei fehlenden Unterlagen ermittelt und eine Kompetenzfeststellung gemacht. Die Ziele dabei sind die Unterstützung bei der Integration in den Arbeitsmarkt, die Identifizierung von Problemen im Anerkennungsverfahren, Vernetzung und Sensibilisierung der Akteure vor Ort, Zusammenarbeit und Unterstützung der Integrationsbeiräte und weiterer Organisationen.

Weitere Informationen gibt es bei Netzwerk iQ und Migranet.


Was braucht es, damit mein Projekt erfolgreich ist?

Julia Grassinger, Giraffensprache

Julia Grassinger arbeitet als freiberufliche Trainerin für NGOs, Schulen und Social Startups mit den Schwerpunktthemen interkulturelle Kompetenz, innerer Wandel und gemeinschaftliche Gestaltung ökonomisch und ökologisch nachhaltiger Projekte. Durch ihr erstes eigenes Startup berichtet sie aus eigener Erfahrung von der Bedeutung kundenorientierter Produktentwicklung und Teamkultur.  

In ihrem gut einstündigen Workshop hat Julia Grassinger zusammen mit den Teilnehmern erarbeitet, welche Faktoren relevant für das Gelingen eines Projektes sind. Dabei ist es nicht relevant, ob dieses Projekt als ehrenamtliche Initiative oder Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht verwirklicht werden soll. Jede Idee und jedes Projekt benötigt Kräftigung, Fokussierung und kreative Lösungen. 

Dabei entstehen viele Herausforderungen, die es zu meistern gilt, für die kreative Lösungen selbst entdeckt werden müssen und für die man wichtige Schritte gehen muss. Klarheit, Empathie und Wertschätzung sind dabei die Grundlagen unserer Arbeit. Julia Grassinger gab einen Überblick verschiedener Möglichkeiten und Herangehensweisen, um ein Projekt gut aufzustellen und als Team gut zusammen zu arbeiten. 

Als zentrale Konzepte, die auch der Selbstorganisation und Strukturierung dienen, hat Julia Grassinger die Ansätze ‚Effectuation‘ und ‚Design Thinking‘ praxisnah vorgestellt. 

Der Ansatz ‚Effectuation‘ geht auf die Unternehmertum-Forscherin Saras Sarasvathy zurück, die untersucht hat, wie erfolgreiche Unternehmer mit Unsicherheit bei ihren Entscheidungen umgehen. Folgende Muster konnte sie beobachten, und empfiehlt auch allen Initiatoren von neuen Projekten, sich folgende Fragen zu stellen:

 

  1. Verfügbare Mittel: Wer bin ich, was kann ich, welche Kontakte habe ich?
  2. Was kann ich tun? Welche Handlungsalternativen habe ich, um eine spezielle Herausforderung zu lösen?
  3. Welche Vernetzungen kann ich nutzen? Mit wem möchte ich kooperieren?
  4. Verbindliche Vereinbaren eingehen: Mit meinen Kooperationspartner und mit mir selbst: Was konkret unternehme ich bis wann? Welche Schritte folgen?

Im zweiten Teil des Workshops haben sich die TeilnehmerInnen mit dem Design-Thinking-Ansatz beschäftigt und anhand praktischer Beispiele Ideen und Projekte konkretisiert. Design Thinking ist als interaktiver Ansatz so konzipiert, dass es immer neue Test- und Ausprobier-Phasen gibt, die das Produkt oder die Dienstleistung verbessern: Die Schritte Produkterschaffung (engl. Build) – Beurteilung /Auswertung (engl. Measure) – Schlussfolgerungen (engl. Learn) führen zu Produktoptimierungen und dazu, dass Verbesserungen Teil des Produktzyklus sind. 

Materialien zu Design Thinking und Effectuation


Vortrag: Integration durch Sprachförderung

Christine Palme, Ernst Klett Sprachen GmbH

Christine Palme ist Marketingleiterin im Klett-Langenscheidt Verlag München. Viele Kursleitende und ehrenamtliche Unterstützer sind auf der Suche nach geeignetem Unterrichtsmaterial. Das passende Lehrmaterial dafür entwickelt der Verlag.

Die deutliche Zunahme an Deutschkursen für Flüchtlinge im letzten Jahr und die Nachfrage nach passenden Titeln war für den Verlag eine große Herausforderung. Davon berichtete Christine Palme in ihrem Vortrag am Ende des Tages. Die rasante Zunahme von „Willkommenskursen“ in Kombination mit, zum Teil, schwierigen Rahmenbedingungen verstärkte den Bedarf nach passenden Materialien für diese neuen Herausforderungen. Der Klett-Verlag machte daraufhin eine Umfrage, um das Angebot so passend und fokussiert wie möglich zu entwickeln. Bei dieser gezielten Recherche kam heraus, dass die Lernmaterialien überholt und spezialisiert werden mussten. Neue Kursmaterialien für Lernungewohnte wurden mit alltagsbezogenem Wortschatz, einfachen Redemitteln, mit Übungen zum Nachsprechen für elementare Situationen und mit erstem Schreibtraining für Zweitschriftlernende entwickelt. Zudem musste das Material leicht zu unterrichten sein. Dabei war der leichte Zugang zur Sprache für die Lernenden genauso wichtig, wie die Möglichkeit, dass auch Ehrenamtliche damit unterrichten können. Im Herbst 2015 kamen die Unterrichtsmaterialien heraus.

Die klare Ausrichtung auf diese Zielgruppe spiegelt sich in den Lernbüchern von Klett wieder (z.B. „Deutsch in Alltag und Beruf“ oder „Ein guter Start“). Zudem gibt es Erklärungen zu Fragebögen und zum Religionsverhalten in Deutschland. 


Resümee

Wie der Ablauf und die Inhalte zeigen waren am 12. November 2016 vielseitige Referentinnen und Referenten mit unterschiedlichstem Know-how vor Ort. Der Mix aus Vorträgen, Dialogrunden, Workshops und Projektvorstellungen hat den teilnehmenden Gästen ein fundiertes Wissen vermittelt. Durch den Input und die Präsenz der Politik wurde die Wichtigkeit des Themenschwerpunktes deutlich und die Arbeit der Ehrenamtlichen wurde einmal mehr wertgeschätzt.  


Ausblick und Termine

Die Auftaktveranstaltung des Wettbewerbs "Helden der Heimat" ist zugleich Weiterführung der Veranstaltungsreihe "Engagiert in Oberfranken" und am 12. November 2016 gab es einen gelungenen Auftakt zum Thema "Integration von geflüchteten Menschen". Wir freuen uns auf die weiteren Fokusveranstaltungen. 

 

 

11. Februar 2017: 2. Fokusveranstaltung "Stärkung des sozialen Umfelds junger Menschen"

 

Anmeldung zur Fokusveranstaltung "Stärkung des Sozialen Umfelds junger Menschen" am 11. Februar 2016.

Anmeldung Engagiert in Oberfranken: Helden der Heimat

18. März 2017: 3. Fokusveranstaltung – "Verbesserung der Situation für ältere Menschen"

 

Anmeldung zur 3. Fokusveranstaltung "Verbesserung der Situation älterer Menschen" am 18. März 2017.

Anmeldung Engagiert in Oberfranken: Helden der Heimat